Wenn sich das Klima ändert, muss sich der Kaffeeanbau mitverändern – ein Blick nach Brasilien und auf unser eigenes Agroforstprojekt
July 15, 2026 · Mario Vogel

Brasilien ist nicht nur der größte Kaffeeproduzent und Exporteur der Welt, das Land ist gerade auch ein Brennglas dafür, was der Klimawandel für den Kaffeeanbau weltweit bedeutet. Für uns bei BLACKBIRD ist das keine abstrakte Zukunftsfrage: Mit unseren Beteiligung an der Agroforstfläche der Fazenda Pinheirense in Nova Resende, Minas Gerais, stehen wir mitten in dieser Entwicklung. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen – auf die Menschen, die davon betroffen sind, auf die Zahlen, die uns erwarten, und auf das, was sich dagegen tun lässt.

 

Die Farmer:innen im Zentrum

Am deutlichsten wird das, was gerade in Brasilien passiert, nicht in Statistiken, sondern in den Berichten der Menschen, mit denen wir direkt zusammenarbeiten.

 

Timo Plötz von Petunia Coffee, der die Agroforstfläche bei Fazenda Pinheirense mit betreut, musste dort bereits erhebliche Frostschäden verkraften: Ein Großteil der frisch gepflanzten Setzlinge der ersten Agroforstfläche ging dadurch verloren, die Fläche musste danach komplett neu aufgebaut werden – ein schmerzhafter Rückschlag, der zeigt, wie empfindlich junge Agroforstsysteme gerade in der Anfangsphase auf Extremwetter reagieren.

 

Auch bei Tiago und Renato Chagas von der Sítio Morro Preto in Muzambinho, die wir mittlerweile zweimal besucht haben, war das Klima von Anfang an präsent: Schon bei unserem ersten Besuch 2024 war die extreme Trockenheit und Dürre auf ihrer Farm deutlich zu spüren. Aktuell, im ständigen Austausch mit den beiden, erleben sie das genaue Gegenteil: erhebliche Schwierigkeiten durch die extremen Niederschläge der vergangenen Wochen. Viele Kirschen sind dadurch zu Boden gefallen, was die Qualität der Ernte spürbar gemindert hat.

 

Von ganz ähnlichen Problemen berichtet uns auch José Antônio Anunciação von der Sítio Panelão in Botelhos. Die anhaltenden Regenfälle behindern bei ihm die Trocknung der Kirschen, und die Pflanzen sind durch die anhaltende Nässe einem erhöhten Risiko für Pilzbefall ausgesetzt – begünstigt durch kleine Verletzungen an den Pflanzen, die sich bei der Ernte leider kaum vermeiden lassen.

 

Alle drei bringen es auf denselben Nenner: Es vergeht kaum ein Jahr, das nicht seine eigenen Probleme und Schwierigkeiten mit sich bringt – mal zu trocken, mal zu nass, mal zu kalt.

 

José und sein Vater (Sítio Panelão in Botelhos)

Was der Klimawandel konkret bedeutet

Diese Einzelschicksale sind kein Zufall, sondern Teil eines klaren Musters. Fünf aufeinanderfolgende Arabica-Ernten in Brasilien wurden bereits durch Hitzewellen, Dürren und Fröste beeinträchtigt. Dürreperioden werden länger, Hitzewellen intensiver, Niederschläge unregelmäßiger – mit direkten Folgen für die empfindlichsten Phasen der Pflanze: Blüte und Bohnenbildung.

 

Aktuell kommt ein weiterer Faktor hinzu: El Niño. Der brasilianische Kaffeeindustrieverband Abic rechnet dadurch mit Ernteeinbußen von 15 bis 20 % gegenüber der ursprünglich für 2026 prognostizierten Rekordernte von 66,7 Millionen Sack. Besonders betroffen sind unbewässerte Arabica-Flächen, während bewässerte Robusta-Regionen wie Rondônia deutlich resilienter dastehen. Das zeigt: Bewässerung und Wassermanagement werden zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor – nicht nur zur Ertragssicherung, sondern zur reinen Existenzsicherung.

Der Blick bis zum Ende des Jahrhunderts

Wenn sich an diesem Trend nichts ändert, wird es ernst: Eine Studie der brasilianischen Bundesuniversität Itajubá (Unifei) aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Schluss, dass bis zum Ende des Jahrhunderts zwischen 35 % und 75 % der heute mit Arabica bepflanzten Flächen in Brasilien wirtschaftlich unrentabel werden könnten. Das betrifft nicht irgendeine ferne Zukunft, sondern die Lebensgrundlage von Millionen Familienbetrieben, die – wie in Poço Fundo, wo 16.000 Menschen direkt von der Kaffeewirtschaft abhängen – oft keine wirtschaftliche Alternative haben.

 

Die gute Nachricht: Dieses Szenario ist kein unabwendbares Schicksal. Eine 2020 veröffentlichte Studie zeigt, dass konsequent umgesetzte Agroforstsysteme bis 2050 bis zu 75 % der heutigen brasilianischen Kaffeeanbauflächen erhalten könnten. Die Richtung, in die man geht, entscheidet also maßgeblich darüber, welches dieser beiden Szenarien eintritt.

Was Farmer:innen und Genossenschaften bereits tun

Die Antworten vor Ort sind vielfältig und richten sich – wie unser befreundeter Agronom Jonas Ferraresso es in einer seiner Kolumnen treffend beschreibt – immer nach der jeweiligen lokalen Realität. Jonas bringt es auf drei Grundpfeiler, die über Ertrag, Rentabilität und Nachhaltigkeit entscheiden: gesunde Böden, gut angepasste Genetik und passende klimatische Bedingungen für die jeweilige Sorte. Aus diesem Blickwinkel ergeben sich sehr unterschiedliche Strategien – Agroforst für zu heiße Regionen, regenerative Bodenpraktiken für trockene Gebiete mit mildem Klima, gezielte Bodenverbesserung dort, wo eigentlich alle Voraussetzungen stimmen, die Erträge aber trotzdem hinter den Erwartungen zurückbleiben. Sein zentraler Punkt: Es gibt keine Einheitslösung – aber der Kaffee selbst muss immer im Zentrum jeder Strategie stehen, sonst verliert man das eigentliche Ziel aus den Augen.

 

Konkret sieht man in Minas Gerais bereits: den Umstieg auf robustere, produktivere Arabica-Sorten wie Acauã Novo, Arara oder Paraíso; verbesserte Bodenbedeckung durch Gräser und Leguminosen zur Feuchtigkeitsspeicherung; den Ausbau von Bewässerungssystemen; sowie – als vermutlich wirkungsvollste Langzeitstrategie – die Rückkehr zu beschatteten Anbausystemen und echter Agroforstwirtschaft, orientiert am ursprünglichen Lebensraum der Arabica-Pflanze in den äthiopischen Hochländern.

 

Finanziell bleibt das allerdings ein Nadelöhr: Internationale Klimafinanzierung – etwa Pilotprojekte von COFCO International oder eine Kreditlinie der Rabo Foundation für Wasserresilienz in Minas Gerais – steckt noch in einer sehr frühen Phase und erreicht bislang nur einen Bruchteil der Betriebe, die sie eigentlich bräuchten.

Wo wir mit unserem eigenen Agroforstprojekt stehen

Genau in diesem Spannungsfeld bewegen wir uns mit unserer Beteiligung an der Agroforstprojektfläche bei Fazenda Pinheirense. Als wir Ende 2025 bei der Pflanzung dabei waren, ging es uns nicht nur um eine zusätzliche Sourcing-Quelle, sondern bewusst um einen Ansatz, der Bäume nicht nur als Schattenspender, sondern als integralen Bestandteil eines stabileren Systems begreift – ganz im Sinne dessen, was Studien und Praktiker:innen wie Rafael Furtado in Poço Fundo beschreiben: ein System, das sich stärker selbst trägt, Boden, Wasser- und Nährstoffkreisläufe reguliert und dadurch widerstandsfähiger gegenüber genau den Extremen wird, die andere Betriebe in Minas Gerais gerade hart treffen.

 

Damit sind wir – anders als viele monokulturell wirtschaftende Nachbarbetriebe – für die kommenden Jahrzehnte grundsätzlich besser aufgestellt: weniger abhängig von externen Betriebsmitteln, mit stabilerem Mikroklima und einer Bodenqualität, die sich über die Jahre eher verbessert als abbaut. Gleichzeitig sind wir realistisch: Agroforst ist – wie auch Furtado und Jonas betonen – kein Selbstläufer. Es braucht Zeit, Fachwissen und laufende Betreuung, bis Produktivität und Qualität ein wirtschaftlich überzeugendes Niveau erreichen. Genau deshalb ist die enge Begleitung durch Jonas für uns so wertvoll: Er hilft uns, die drei Grundpfeiler – Boden, Genetik, Klima – für unsere ganz spezifische Fläche in Nova Resende richtig auszubalancieren, statt ein Konzept von der Stange zu übernehmen.

 

Der Weg, den Brasiliens Kaffeeanbau in den nächsten Jahrzehnten nimmt, wird sich an genau solchen Entscheidungen entlanghangeln – Betrieb für Betrieb, Hektar für Hektar. Mit unserer Fläche bei Fazenda Pinheirense wollen wir zeigen, dass sich dieser Weg lohnt, auch wenn er länger dauert als eine schnelle Umstellung auf ertragsstärkere Sorten allein.

 


Dieser Beitrag basiert auf Berichten von Daily Coffee News / Dialogue Earth zur Klimasituation in Minas Gerais, einer Reuters-Meldung zu den aktuellen El-Niño-Auswirkungen sowie der Kolumne "On Balancing the Ideal and the Possible in Coffee Production" von Jonas Ferraresso (Daily Coffee News).

Specialty Coffee
Roasters